Die Edda – Ein Vorwort von Wilhelm Jordan

Vorwort.

Zur Edda soll man einige Kenntnis mitbringen von ihrer Geschichte, vom Ursprung und Sinn ihrer Mythen, von der Umbildung ihrer Göttersage in Heldensage, von der endlichen Verwandlung beider in Märchen.

Der deutsche Leser soll außerdem wissen, daß er ihr dieselbe Pietät schulde, welche einem Sohne, wenn er kein Bild seiner seligen Mutter besäße, geziemen würde vor dem Bilde ihrer Schwester.

Nur karge Reste der Poesie unserer heidnischen Vorfahren entgingen der Vertilgung durch die unversöhnliche Feindin deutschen Geistes und deutscher Sprache. Unzweifelhaft aber beweisen diese Brocken, daß ein ähnlicher, an edeln Kleinoden wohl noch reicherer Schatz von »Urgroßmutter-Mären« in ihrem Besitze war. Es ist sogar hochwahrscheinlich, daß wir einige Stücke der Edda betrachten dürfen, wenn nicht als Übersetzungen, so doch als Nachdichtungen gehörter deutscher Lieder.

Ich darf es aber unterlassen, diesen empfehlenswerten Vorkenntnissen hier eine besondere Einleitung zu widmen. Man findet dieselbe in meinen Epischen Briefennamentlich im achten bis zwölften, welche sich fast ausschließlich mit der Edda beschäftigen.

Auch vom Versbau der altnordischen Dichter brauche ich hier nicht zu handeln. Es ist zur Genüge geschehn in meiner Schrift: Der epische Vers der Germanen und sein Stabreim.

An dieser Stelle beschränke ich mich auf einige der Gründe für die Methode meiner Nachbildung. Sie weicht beträchtlich ab von der meiner Vorgänger. Die Grenze, welche die gangundgäbe Vorstellung von den Pflichten des Übersetzers seiner freien Bewegung zieht, überschreitet sie nicht selten so weit, daß ich ihre Rechtfertigung nicht ganz nur dem Werk allein überlassen will.

Man erwäge, was es heißt, ein schwieriges Versgesetz zu erfüllen mit einer Sprache, welche derjenigen der Urschrift zwar nächstverwandt, aber tausend Jahre weiter gewachsen und wesentlich anders gegliedert ist. Dann wird man begreifen, warum die Versuche wörtlichen Abklatsches in gleicher Form und Vers um Vers ebenso mißtönig, als unverständlich ausfallen mußten und von der Poesie des Inhalts genießbar so gut wie nichts übrig lassen konnten. Um nicht auch eine Karikatur, sondern wieder ein Kunstgebilde von sprechender Ähnlichkeit zu schaffen, durfte ich mit dem neuen Metall nicht eine sklavische Kopie, sondern nur einen nachbildenden Guß unternehmen.

Gleichwohl darf ich behaupten, daß dies Nachbild unvergleichlich treuer dem Original ausgefallen ist als die angeblichen Kopien, deren deutsche Worte so undeutsch zusammengekräuselt sind, daß sie selbst wieder einer Verdolmetschung bedürfen. Meine Wiedergabe der ältesten, die poetische Form am gewandtesten erfüllenden Lieder, so u.a. der Thrymsquida, Lokasenna und der leider arg beschädigten Völu-Spa, kommen sogar einer Übersetzung im hergebrachten Sinne des Wortes so nahe, als das billigerweise zu fordern ist.

Indes auch für diese Stücke muß ich mich berufen auf meine, in der Einleitung zur Odyssee vorgetragene Theorie der poetischen Störungen.

Was ich dort weiter ausgeführt habe: daß jede Dichtung ohne Ausnahme ein Ringen mit ihrer Form zeige; daß es in keiner immer siegreich, sondern recht oft nur ein Davonkommen, eine notdürftig vertuschte Niederlage sei: – das gilt im allerhöchsten Maße von den Liedern der Edda, auch den allerbesten.

Die Kettung des Stabreims ist meistens eine dreifache. Schon den Dichtern des Urtextes hat dieselbe große, an vielen Stellen auf das deutlichste verratene Anstrengung gekostet. Von den alliterierenden Drillingen steht immer nur je einer überwiegend im Dienste des Gedankens; das Wort nämlich, welches mit seiner Tonsilbe die gleichanlautenden ruft. Die beiden anderen gerufenen stehn gleich überwiegend im Dienste der Form. Wo letztere dem Gedanken nur notdürftig entsprechen, da muß der Nachbildner erkennen, was der Verfasser gern schärfer zutreffend gesagt hätte, wenn er es alliterierend zu sagen gewußt. Wenn da der Verdeutscher mitläuft auf der formerzwungenen Ausweichung von der Richtungslinie der Idee; wenn er den Notbehelf als vollwichtig nachstammelt, anstatt das gewollte, aber gegen Vers und Stab im Altnordischen ungefüge Wort zu setzen; wenn er dunkel oder unverständlich wird aus Silbengeiz; wenn er sich scheut, von dem ohnehin überaus knappen Zeilenraum einen Halbvers lieber mit dem verdeutlichenden Ausdruck zu füllen, als mit dem sklavischen Abklatsch einer lediglich der Alliteration wegen oft wiederholten, für den Sinn ganz entbehrlichen Titulatur, Sohn- oder Tochterschaft: – dann verfährt er aus blöder, silbenstechender Treuesucht – treulos.

Die Brüder Grimm haben dreizehn von den Heldenliedern der Edda in sehr angemessen abgestimmter Prosa übersetzt. Man muß es ihnen zugestehn, daß durch sie jener Bruchteil anmutend genießbar geworden ist, welcher auch nach Rückzerflachsung des Maschengewebes vom poetischen Inhalt noch übrig bleibt, wenn man die Kunstgestalt einer Dichtung von allerstrengster Form auflöst. Auch unterschreibe ich bereitwilligst das Urteil des Wiederherausgebers Dr.  J.  Hoffory, daß gegenüber dem poetischen Hauch, der die Grimmsche Prosa durchwehe, alle seitherigen Nachdichtungen, welche auch die poetische Form wiederzugeben versuchten, schal und steif erscheinen. In den Anmerkungen wird man Belege finden, welche sogar eine Verschärfung dieses Spruches rechtfertigen dürften. Denn die Unternehmer dieser Versuche hatten keine Ahnung von den noch bei weitem strengeren Bedingungen, welche der Stabvers im gegenwärtigen Deutsch erfüllen muß, wenn er nicht, anstatt wohllautend zu erfreuen, das Ohr mit unerträglichem Geklapper martern, das ästhetische Gefühl mit Roheiten anekeln und den Verstand mit Missetaten an Logik und Sprache empören soll wie einige Operntexte R.  Wagners.

Schon die Maßverhältnisse der knappen altnordischen und der weit silbenreicheren deutschen Sprache der Gegenwart sind zum mindesten um ein volles Drittel verschieden. Wir dürfen selten den Artikel auslassen, seltener noch die dort in zehn Fällen neunmal zwar gedachten, aber nicht ausgesprochenen »wenn«, »doch«, »aber« u.  a. Konjunktionen verschlucken. Versweise durchweg deckende Übertragung in gleicher Kunstform ist also schlechterdings unmöglich. Daher muß denn, wer sie dennoch versucht, Versungeheuer liefern, die für den ungelehrten Leser oft unsinnig sind, da der beabsichtigte Sinn selbst dem mit der altnordischen Sprache Vertrauten nur nach Vergleichung mit dem Original mühsam erkennbar wird.

Man lese z.  B. die folgenden Zeilen:

Ihnen zeltet schwerlich mehr,
und zeugtest du sieben,
Solch ein Schwester-
sohn zum Thing.

Wer wird es merken, daß sie gerichtet sind an eine Frau, die doch nur gebären, nicht zeugen kann? Der sterbende Sigfrid spricht sie zu seiner Gattin. Aus dem Original erfährt man, daß sie bedeuten sollen: zum Rachegericht gegen deine Brüder zu reiten (was, beiläufig bemerkt, nur die herkömmliche Wendung ist für »Rachepflicht ausüben« und auch gesagt wird, wo weder an eine Gerichtsversammlung noch an Reiten zu denken ist), wird kein anderes Kind deines Schoßes, und gebörest du deren auch noch sieben, so geeignet sein, wie unser Söhnchen, für dessen Rettung vor meinen Mördern zu sorgen daher deine dringlichste Pflicht ist. Das unpassende »zeugen« soll eben stabreimen mit dem weithergeholten »zelten«, letzteres aber nicht etwa aussagen »ein Zelt aufschlagen«, sondern »auf einem Zelter reiten«, während die scharf bestimmte und alleinige Bedeutung des wenig gebrauchten Wortes ist: schreiten mit gleichzeitiger Vorbewegung des Vorder- und Hinterfußes derselben Seite wie die Giraffe und das zum Paßgang abgerichtete Pferd.

Noch hinzu kommt zu den berührten Ursachen, die den Nachbildner zwingen, oft weit mehr Worte und Verszeilen zu verwenden als das Original, eine Weise des Ausdrucks in Stichworten, welche unserem Telegrammstil ähnelt.

Goethe läßt Gretchen ihr Lied schließen:

An seinen Küssen
Vergehen sollt‘,

verlangt also, daß man etwa ergänze: und wenn ich auch usw.

Von solchen Ellipsen wimmelt die Edda. Wenn man absieht von den oben bezeichneten Liedern – wiewohl auch sie davon keineswegs frei sind – ist selten eine Strophe zu finden, die nicht behaftet wäre mit Verschweigungen der kühnsten Art.

Aus zwei Beispielen wird einleuchten, welches Verfahren unerläßlich ist, um solche Strophen verständlich wiederzugeben.

Erstes:

Brunhild hat sich selbst erstochen, ist auf einem Wagen zum Holzstoß geführt und verbrannt worden. Das Lied von ihrer »Helfahrt« läßt sie auf eben diesem Wagen durch Erdklüfte hinabreisen ins Totenreich. Da tritt ihr ein gespenstisches Riesenweib hindernd in den Weg und hält es ihr als Schmach vor, daß sie dem Gemahl einer anderen, nachdem sie seinen Tod angestiftet, nun als Selbstmörderin nachlaufe. Brunhild rechtfertigt sich mit einer gedrängten Aufzählung ihrer Schicksale. So erwähnt sie unter anderem, wie Odin sie, zur Strafe ihres Ungehorsams im Walkürendienst, im Schatten- oder Schadenhaine umschlossen mit roten und weißen Schilden, will sagen: mit einem eng anliegenden Panzer aus kleinen schildförmigen Platten oder Schuppen. Was sie weiter sagt, sei hier deckend übersetzt:

Schilde schnürten;
Demjenigen gebot er schlitzen
Schlaf meinen,
Der nirgend Landes
Fürchten könne.

Der Dichter wußte sehr wohl, daß man »schnürten« (snurtu) sprachlich angemessen nur von Stricken oder Riemen, nicht von Schilden, Panzerplatten aussagen dürfe. Es fiel ihm ferner nicht ein zu meinen, daß man den Schlaf (svefni) »schlitzen« (slita) könne. Aber er war sicher, daß seine Zuhörer von dieser Szene die bis zu voller Anschaulichkeit ausgeführte und als Lieblingsstück oft vernommene Schilderung anderer Lieder im Gedächtnis hatten. Eben dieser Auftritt ist ja der Angel der Sage von Sigfrid und Brunhild, zugleich die herkunftbezeugende Nabelnarbe ihrer Geburt aus dem Mythus vom Frühlingsgott, welcher die Erdgöttin aus ihrer Gefangenschaft in der Burg des Winters erlöst und mit dem Schwerte seines Vaters, dem Sonnenstrahl, aus dem Eispanzer freischneidet. In der stolzkurzen Antwort Brunhilds auf die Schmähung des Riesenweibes durfte sich der Dichter nicht die Zeit nehmen zu mehr als andeutenden Stichworten. So wagte er denn jene kecke Abbreviatur in dem berechtigten Vertrauen, daß man dieselbe richtig verstehen werde als bedeutend: den Zauber bannen und Brunhild aus ihrem langen Schlaf erwecken durch Aufschlitzen ihres wie angewachsen sie einschnürenden Harnisches.

Von dem Hauptliede nun, welches die anschauliche Schilderung derselben Szene enthalten haben muß, sind uns zwar zwei schöne Strophen in der Völsungasage gerettet, aber leider nicht die von Brunhilds Lösung und Erweckung. Ihr Inhalt ist uns nur bewahrt in der prosaischen Einleitung des Liedes Sigrdrifumal, in dessen Anfangsversen und Sigurđarqu. Fafnisb. I 15.

Würde ich für den deutschen Leser meine Schuldigkeit tun, wenn ich diese knappen Erwähnungen als in seinem Gedächtnis gegenwärtig voraussetzte und ihm nur den Abklatsch jener Kürzung böte?

Wer Stil und Zustand der Edda kennen lernen will, der muß eben das Original studieren. Meine Aufgabe ist es, ihre Poesie dem des Altnordischen nicht Kundigen so mühelos als möglich zugänglich zu machen.

Zweites:

In der Spruchsammlung »Havamal« findet man unter Nr. 74 eine Strophe, deren deckender Abklatsch so zu lauten hätte:

Nacht wird willkommen
So Kost sicher.
Karg ruhn Schiffs Rahen,
Wankend ist Reifherbst
Sehr mit Wetter
In fünf Tagen
Und mehr im Monat.

Wer könnte das verstehn? Auch hat den sehr schlichten, keineswegs tiefen Sinn von allen Erklärern und Übersetzern noch keiner zu enträtseln gewußt. Die meisten helfen sich in ihrer Verzweiflung damit, daß sie den dritten Halbvers einfach wegwerfen und behaupten, er müsse durch einen unbegreiflichen Abschreibefehler aus irgendeinem andern Gedicht eingeschwärzt sein. Aber er gerade ist der Haupt- und Schlüsselvers.

Erstlich ist zu beachten, daß nest und nesti Kost, Nahrung, vorzugsweise Wegkost und recht oft Schiffsproviant bedeutet. Es ist die Rede vom Anbruch der Nacht während der Reise, und zwar, wie eben Halbvers  3 ergibt, während einer Seereise, auf welcher sich der Spruchverfasser nicht etwa als müßiger Passagier, sondern als mitarbeitender Seemann vorstellt. Zweitens darf man nicht vergessen, daß in der Zeit der Entstehung der Eddalieder die kompaßlose Schiffahrt der Nordmänner, wie die der homerischen Griechen, sich mit äußerst seltenen Ausnahmen auf Küstenfahrt nach Landmarken und bei Tageslicht beschränkte; daß man also bei Anbruch der Nacht zu landen und das Hauptmahl zu bereiten pflegte. Der Sinn des Spruches ist also: Bei noch vorhandenem Proviant ist dem Seefahrer der Anbruch der Nacht erwünscht; denn dann wird gelandet zur Hauptmahlzeit und zum Ausruhn vom fortwährend notwendigen Umstellen der Segel. Danach behaupte ich, mit angemessener Treue zu verfahren, wenn ich den Spruch so nachbilde:

Die Nacht kommt genehm, falls Nahrung an Bord ist;
Denn die Rahen des Schiffs muß man rastlos verschieben,
Da die Winde des Herbstes häufig wechseln,
Und währte die Fahrt auch nur fünf Tage,
Doch so manches Mal mehr im Lauf eines Monats.

So steht in der Edda gar manches unaufgeschrieben und dennoch für den Scharfblickenden deutlich zu lesen.

Ich muß aber hinzufügen, daß ich auch von ihren vollständig ausgeschriebenen Sätzen eine unerwartet große Anzahl in allen mir zugänglich gewordenen Kommentaren und Übersetzungen teils als hoffnungslos dunkel aufgegeben, teils erweislich falsch erklärt gefunden habe. Die erstmalige Entdeckung des richtigen Sinnes darf ich mir keineswegs anrechnen als besonders verdienstlich, da sie meistens auf der Hand lag, wenn man nur nicht an der einzelnen Zeile oder Strophe klebte. Hier aus den vielen nur noch eines der auffälligsten Beispiele dafür, welche schier unbegreiflichen Mißverständnisse gleichwohl solange allgemeine bleiben konnten.

Daß im dritten Sigurdsliede 51 der Vers

hefir kunn kona viþ konungi

nicht nur nach Aussage der folgenden Strophe von der Geburt Schwanhilds nach dem Tode ihres Vaters, sondern auch nach dem ganz unfraglichen Sprachgebrauch nichts anderes bedeuten kann als:

die Frau (Gudrun) trug (im Schoß) Familienzuwachs vom Könige (Sigfrid),

wofür ich auf die Anmerkung zu dieser Stelle verweise, – das hat bisher niemand gemerkt!

Gleich auffällig war es mir, mehrere unzweifelhafte Verwerfungen nirgend berichtigt noch wahrgenommen zu finden. Wo man Sinn und Zusammenhang so lange vergeblich gesucht hat, liegt er bisweilen überraschend einfach und klar zutage, sobald man einige Verse oder ganze Strophen ihre Plätze tauschen läßt. Es kommt sogar vor, daß im Dialog auf die Redeeinführung der ersten Person (da sagte … Name) durchaus unsinnig erst die Antwort der zweiten Person, dann ihre Nennung, und nun erst als von ihr gesagt, die Äußerung der ersten folgt ( Sigurđarqu. Fafnisb. III, 45 und zugehörige Anmerkung). Solche Verrenkungen verschuldete bald schon ein Irrtum der letzten Gedächtnisinhaber, deren Diktate die Sammler aufzeichneten, bald nachmals ein zerstreuter Abschreiber. Sie sind so zuverlässig erkennbar, als leicht zu heilen, werden aber in den Ausgaben so weiter gedruckt seit mehr als einem Jahrhundert.

Solche stets auch erläuterte Herstellung der richtigen Textfolge macht schon die verfrühte und verspätete Ziffer an der Seite kenntlich, da ich die von den besten Wörterbüchern zitierte Strophenzählung der Arne Magnussonschen Kopenhagener Edda beibehalte.

Eingefälschte und zugleich störende Strophen habe ich, unter Beobachtung desselben Verfahrens, in die Anmerkungen verbannt.

Zwei wahrscheinlich sehr spät entstandene und wertlose, aber der Edda nun einmal einverleibte Stücke haben ihren Platz erhalten in einem Anhang zur Göttersage. Hier schon sei bemerkt, daß meine Übersetzung des einen (Hyndlulied) auf Stabreim und Vers verzichtet.

Endlich habe ich noch für drei Lieder von eigentümlich fesselndem Inhalt und starker Wirkung beim Vortrage eine neubenannte Abteilung gebildet: Vorart des Märchens.

Im übrigen bin ich der hergebrachten Anordnung treu geblieben, da dieselbe, wenn auch nicht in aller Strenge, dem Alters- und Wertverhältnisse der Lieder entspricht.

Für die Mehrzahl der Leser indes ist diese Ordnung keineswegs die zweckmäßigste.

Wem dies Buch die erste Bekanntschaft vermittelt mit den ehrwürdigen Resten der Bibel des germanischen Heidentums, dem rate ich, gestützt auf Erfahrung, in anderer Reihenfolge als der des Druckes zu lesen.

Er beginne mit dem durchsichtigsten Stücke, mit der uns streckenweit wie zeitgenössisch anmutenden Spruchdichtung Havamal. Von ihr mag er aufsteigen zu den etwas weniger leichten Liedern der Heldensage, zu welchen er aus den Bearbeitungen des mittelalterlichen Nibelungenliedes und zumal aus meinem Epos bereits einige Vertrautheit mitbringt. Dann erst mache er sich an die dunkelsten und schwierigsten Gedichte der Edda, an die Lieder aus der Göttersage; zuerst etwa an das besterhaltene und klarste derselben, Thrymsquida oder Heimholung des Hammers, zu allerletzt aber an das allen voranstehende, an die so grandiose als geheimnisvolle Völu-Spa, die Weissagung der Wala.

Wer diesen Rat befolgt, dem wird er sich bewähren als ersprießlich für Verständnis und Genuß. Ob er auch die Empfindung behalten muß, durch eine Ruine geführt zu werden, von der so mancher Saal völlig zerstört ist, mancher andere nur über unwegsame Trümmer mit der Laterne des Forschers hineinzuleuchten gestattet, um die Umrisse aufdämmern zu sehn von einigen noch nicht ganz verwitterten Göttergestalten in den Nischen der Wände –: der Grundriß, das Baugesetz wird sich ihm, wenn er wandert in der empfohlenen Richtung, doch allmählich so weit offenbaren, daß er ahnend eine Anschauung gewinnt von der einstigen Größe und Herrlichkeit des alten Heiligtums.

In diesem Sinne hoffe ich, wenn auch keineswegs alle Rätsel gelöst, so doch mit dem Erfolg redlichen Bemühens durch meine Nachbildung dafür gesorgt zu haben, daß uns die Edda nicht länger ist, was sie bisher war: ein Buch unter sieben Siegeln.

 

 

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